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Craigs Geständnis

Die Wächter von Sisong, Bd. 3

  • Craigs Geständnis

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  • »Also zusammengefasst«, meinte Rena ungefähr eine Stunde später mit merkwürdiger Ruhe: »Wir sind keine Menschen, sondern menschenähnliche Wesen, die vom Planeten Sisong stammen. Das ist ein Exoplanet, an die 1400 Lichtjahre von der Erde entfernt, größer und wesentlich älter als diese. Er wird nicht mehr lange existieren, deshalb sind wir hier. Unser Volk wird von einer Hüterin und mehreren Wächtern geführt, zu denen auch Craig gehört. Wir können Gedanken lesen und uns per Gedankenkraft fortbewegen, sogar zu unserem Heimatplaneten und zurück. Leider gibt es aber noch ein weiteres Volk, das nach Untergang seines eigenen Planeten die Erde zu seinem Lebensraum erkoren hat. Das sind die Iszeroniten, die man an ihrem farblosen Äußeren und ihren stechenden Augen erkennen kann und die über ähnliche Fähigkeiten verfügen wie wir. Sie trachten uns nach dem Leben, weil wir ihnen im Weg sind, und haben begonnen junge Sisoner zu töten, bevor diese ihre übermenschlichen Fähigkeiten entwickeln können. Der junge Mann zum Beispiel, der am Flughafen ermordet wurde, war einer von uns. Habe ich das alles richtig verstanden?«
    Anne hatte zu allem eifrig genickt, während Craig die Arme vor der Brust verschränkte und die Augen verengte. Er wartete auf eine heftige Reaktion, die auch prompt kam.
    »Ihr seid doch völlig gaga!«, rief Rena empört. »Wer denkt sich denn so einen Schwachsinn aus? Ist das irgendein blödsinniger Psychotest oder habt ihr irgendwo eine Kamera versteckt? Ihr werdet doch nicht allen Ernstes erwarten, dass ich euch den Mist abnehme?« Sie war aufgesprungen und blitzte Anne und Craig nacheinander zornig an. »Das glaubt ihr doch alles selbst nicht! Die Wahrheit über meine Herkunft? Dass ich nicht lache! Ich kann euch sagen, was die Wahrheit über meine Herkunft ist: Meine Eltern sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als ich ein Jahr alt war. Ich saß nicht mit im Auto, denn zu diesem Zeitpunkt war ich in der Obhut von Anne und Matthias, den besten Freunden meiner leiblichen Eltern. Die beiden haben mich adoptiert und großgezogen, wofür ich ihnen von Herzen dankbar bin. Meine Heimat ist genau hier, denn in diesem Haus bin ich aufgewachsen. Ich bin nichts Besonderes, wenn man mal davon absieht, dass ich nicht fähig bin, mich zu verlieben.« In ihren Augen schwammen Tränen und ihre Unterlippe zitterte verdächtig.
    »… und dass du seit Neuestem Gedanken lesen kannst«, ergänzte Craig, den ihr Gefühlsausbruch offensichtlich nicht im Geringsten beeindruckte. »Und das ist erst der Anfang, denn deine anderen sisonischen Fähigkeiten werden sich jetzt ebenfalls entwickeln.«
    Sie stieß einen Laut aus, der irgendwo zwischen höhnischem Gelächter und lautem Schluchzen lag.
    »Ach, fick dich doch ins Knie«, schrie sie ihn an. »Ich glaube dir kein Wort!«
    Damit rannte sie aus dem Zimmer und gleich darauf hörte man, wie sie die Tür, die aus der Küche in den Garten führte, hinter sich ins Schloss warf. Craig glitt aus seinem Sessel.
    »Bitte lass sie«, versuchte Anne, ihn zurückzuhalten. »Sie ist schon als Kind immer nach draußen gerannt, wenn sie Kummer hatte. Ihre alte Schaukel hängt noch im Apfelbaum. Dorthin wird sie sich zurückziehen und wieder reinkommen, wenn sie sich beruhigt hat.«
    Aber Craig schüttelte den Kopf. »Früher war das Schlimmste, was ihr dabei passieren konnte, ein aufgeschlagenes Knie«, erklärte er. »Im Moment kann es sie das Leben kosten.«


    Craig atmete ein paar Mal tief durch und stellte sich seinen Erinnerungen. Die Szenen, die ihm so viel Schmerzen bereiteten und die er sich verbot zu vergessen, hatte er wieder klar und deutlich vor Augen.
    Sein Zwillingsbruder Dylan und er waren zusammen in einer Bar gewesen, hatten dort den Abend mit einigen Freunden verbracht. Erst in den frühen Morgenstunden hatten sie sich auf den Heimweg gemacht.
    »Komm, wir sind doch mit dem Wagen da«, erinnerte ihn Dylan, als sie vor der Bar standen. Er hatte schnelle Autos geliebt, während Craig der menschlichen Technologie äußerst skeptisch gegenüberstand.
    »Dann musst du aber fahren«, antwortete er. »Ich passe auf, dass uns in der Höllenmaschine nichts passiert.«
    Mit einem Grinsen hielt Dylan den Autoschlüssel in die Höhe.
    »Kein Thema, Bruderherz!«
    Sie waren eingestiegen und losgefahren. Zumindest hatten sie an diesem Abend keinen ihrer Freunde mitgenommen, was sich im Nachhinein als Glück im Unglück erwies.
    Craig musste wohl gleich nach dem Losfahren eingeschlafen sein, denn das Nächste, an das er sich erinnern konnte, waren die unglaublichen Schmerzen, die er in seinem rechten Arm spürte.
    »Verdammt, Dylan, was hast du nun wieder angestellt?«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, erhielt aber keine Antwort. Doch als er durch die zerborstene Windschutzscheibe nach draußen spähte, sah er sie: Iszeroniten, mindestens ein Dutzend. Er sandte einen Hilferuf aus, zog seinen Dolch und versetzte sich aus dem Auto heraus. Ohne Rücksicht auf seine Verletzungen kämpfte er wie ein Besessener, mähte die Feinde um sich herum regelrecht nieder. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch geglaubt, Dylan dadurch retten zu können. Irgendwann kam Hilfe, dann war weit und breit kein lebendiger Iszeronit mehr auszumachen.
    Craig blickte sich nach seinem Bruder um, sah ihn noch immer im Auto sitzen, reglos. Er rief seinen Namen, versuchte die Fahrertür zu öffnen, zerrte daran, ohne dass sie nachgegeben hätte. Die Beifahrerseite des Wagens war völlig demoliert und eingedrückt, sodass von dort erst recht kein Durchkommen möglich war.
    Als ihre Mutter Tabitha, die Hüterin von Sisong, neben ihm auftauchte, begann er zu verstehen, was das bedeutete, bedeuten musste. Dennoch wollte er es nicht wahrhaben und ließ in seinen Bemühungen nicht nach, Dylan aus dem Auto befreien zu wollen.
    »Nicht, Craig«, raunte Tabitha ihm leise zu. Dabei hatte auch sie Tränen in den Augen. »Du kannst nichts mehr für ihn tun.«
    »Was ist mit ihm?« Er schrie ihr diese Frage entgegen und beschwor sie im selben Moment mit seinen Blicken, ihm eine andere Antwort zu geben, als die, welche er befürchtete. Vergebens.
    »Er ist tot.«
    Drei Worte, in ihrer Endgültigkeit nicht zu überbieten, aber gleichzeitig völlig unbegreiflich. Tot? Dylan, sein Bruder, sein Zwilling, sein zweites Ich? Derselbe Dylan, der ihn angegrinst hatte, bevor er ins Auto gestiegen war? Wie konnte er tot sein, wenn Craig noch da war?
    »Kein Thema, Bruderherz!«, hörte er ihn noch sagen.
    Nein, er konnte nichts mehr für Dylan tun. Dessen Herz hatte in dem Moment aufgehört zu schlagen, in dem es von einem Iszeronitendolch durchbohrt worden war. Craig stürzte in ein tiefes, schwarzes Loch, das sich urplötzlich vor ihm aufgetan hatte. Die Erkenntnis, dass er sein Versprechen gebrochen hatte, eingeschlafen war statt aufzupassen, ließ ihn verzweifeln und an seinen Schuldgefühlen beinahe ersticken. Als Tabitha versuchte, ihn in ihre Arme zu schließen, entzog er sich ihr vehement. Er hatte weder Trost, noch Mitgefühl verdient, denn er hatte versagt. Jämmerlich. Und unverzeihlich.