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Matteos Lied

Die Wächter von Sisong, Bd. 2

  • Matteos Lied

    ISBN: 978-3-96443-237-7

    9,99 

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  • Als Owen in seine Wohnung zurückkehrte, empfing ihn Cassandras Traurigkeit. Er konnte ihre gedrückte Stimmung spüren, die beinahe greifbar schien, im Raum stand wie verbrauchte Luft. Owen fand seine Gefährtin im Wohnzimmer auf einem Sessel sitzend. Die Hände in den Schoß gelegt, starrte sie vor sich hin und hob den Blick noch nicht einmal, als er das Zimmer betrat.

    »Was hast du für Kummer?«, fragte er und bemühte sich, seiner Stimme einen munteren Klang zu geben. Er hatte eine Vermutung, was der Grund für Cassandras Niedergeschlagenheit sein könnte. Nein, er war sich bereits sicher, noch bevor sie seinen Verdacht bestätigte.

    »Beth war heute zur Untersuchung da«, erklärte sie tonlos. »Sie hat drei der Embryos verloren.« Als sie Owen daraufhin endlich anschaute, stand die Verzweiflung in ihren Augen.

    »Drei?«, gab er sich daraufhin optimistisch. »Aber dann ist doch noch einer übrig, oder?«

    »Ja, nur einer. Und das bei der einzigen Iszeronitin, die überhaupt noch schwanger ist.« Cassandra stieß einen Seufzer aus, der ganz tief aus ihrer Brust zu kommen schien.

    »Hey, das ist doch besser als gar nichts«, fand Owen und setzte sich auf die Armlehne des Sessels.

    »Nur noch ein ganz klein wenig besser.«

    »Aber, Cassy, es ist doch nicht deine Schuld, dass es nicht klappt. Du hast dir ganz sicher nichts vorzuwerfen.«

    »Ich wollte, das wäre der Fall«, stieß sie hervor. »Wenn dieser Misserfolg darauf zurückzuführen wäre, dass ich etwas falsch gemacht habe, wäre er viel leichter zu ertragen. Dann würde ich einfach meinen Fehler beim nächsten Versuch vermeiden. Aber ich finde nichts. Die Überlegungen, die Methoden, die Abläufe – alles habe ich wieder und wieder überprüft. Außerdem hat es ja einmal funktioniert. Wenn auch nur ein einziges Mal.«

    Owen streichelte sanft über ihre Wange. »Nicht verzweifeln, Liebes. Veränderungen sind möglich. Zwar nur langsam und mühsam, aber immerhin sind sie machbar.«

    Sie hob den Kopf. »Was hast du erreicht?«, wollte sie wissen.

    »Dieser Mensch, Hannes, kann sich inzwischen vage an mich erinnern.«

    »Du hast also eine Spur in seinem Gedächtnis hinterlassen?«

    Owen nickte. »Ich hatte ihm bei unserem letzten Treffen gesagt, er soll sich meine Adresse und Telefonnummer notieren«, berichtete er stolz. »Den Zettel mit den entsprechenden Angaben hatte er noch. Und als ich ihn dieses Mal daran erinnert habe, fiel ihm wieder ein, dass das meine Kontaktdaten sind. Das ist zwar noch ein sehr bescheidener Erfolg, aber es geht in die richtige Richtung.«

    Ein Lächeln huschte über Cassandras Gesicht und ließ ihre farblosen Augen kurz aufleuchten. Sie drückte die Hand ihres Gefährten.

    »Das freut mich sehr für dich«, versicherte sie. »Ich weiß, wie wichtig dir das ist.«

    Er nickte ernst. »Das ist es. Aber dieser kleine Schritt ist erst der Anfang. Wir müssen diesen Planeten zu unserem machen. Dann werden wir auch wieder Nachwuchs bekommen und uns hier ausbreiten können.«

    Cassandra widersprach nicht, obwohl sie in diesem Punkt anderer Ansicht war als Owen. Momentan fehlte ihr die Kraft für die Auseinandersetzung, zu der es zwangsläufig kommen würde, wenn sie Zweifel an seinen Behauptungen äußerte. Stattdessen überging sie den Punkt einfach und erkundigte sich: »Und was hast du als Nächstes vor?«

    »Ich werde weiter daran arbeiten, einen der Wächter zu kopieren. Mehr noch: Ich will als sein perfekter Doppelgänger auftreten. Meine Vorbereitungen dafür sind in vollem Gange und es ist mir auch schon gelungen, zeitweise so auszusehen wie er.«

    Das war nichts Neues für Cassandra, dennoch schüttelte sie sich voller Abscheu. »Es ist gruselig für mich, wenn du aussiehst wie ein Sisoner.«

    »Aber es ist doch immer nur vorübergehend«, lachte Owen. »Und sobald ich die anderen Wächter und die Hüterin getötet habe, höre ich auf mit der Maskerade. Dann nehme ich mein normales Äußeres wieder an.« Er gab sich große Mühe, zuversichtlich und siegessicher zu wirken, aber die steile Falte zwischen seinen Augenbrauen strafte ihn lügen. Und Cassandra war eine viel zu aufmerksame Beobachterin, als dass ihr dieses Zeichen der Sorge und Unsicherheit entgangen wäre.

    »Es gibt ein Problem, nicht wahr?«

    Er stand auf, wandte sich ab und schüttelte den Kopf. »Ein Problem würde ich es nicht nennen. Sagen wir: Es gibt eine Komplikation«, knurrte er unwillig.

    »Und die wäre?«

    »Eine junge Frau, die bei der Kriminalpolizei arbeitet und bei der Sisonerin aufgetaucht ist, die ich getötet habe.«

    »Was für eine junge Frau?«, hakte Cassandra nach. »Ist sie menschlich?«

    Langsam drehte er sich wieder zu ihr um und schaute ihr in die Augen. »Ich bin mir nicht sicher«, gab er zu. »Zuerst habe ich sie dafür gehalten, aber sie scheint den Sisonern wichtig zu sein. Jedenfalls bekommt sie von ihnen viel Aufmerksamkeit und das erscheint mir verdächtig, weil sie die Menschen meistens nicht weiter beachten.«

    »Wie heißt sie?«

    »Catriona Thalmann.«

    »Der Name sagt mir nichts.«

    »Nein, mir auch nicht. Aber es macht mich stutzig, dass sich in ihrer Nähe so viele hochrangige Sisoner aufhalten. Immer wenn ich versuche, an sie heranzukommen, treffe ich auf einen Späher oder sogar einen der Wächter.«

    Cassandra sog erschrocken die Luft ein und legte ihre Hand an den Mund. »Bitte nimm dich vor ihr in Acht«, stieß sie hervor.

    Nun lachte Owen wieder. »Besser sie nimmt sich vor mir in Acht, Liebes«, entgegnete er. »Ich werde auf Nummer sicher gehen und sie als Erstes töten, damit sie mir nicht in die Quere kommt.«

    Seine Gefährtin legte ihm stumm eine Hand auf den Unterarm. Obwohl dabei kein Wort über ihre Lippen kam, war diese Geste eine noch weitaus dringlichere Bitte, vorsichtig zu sein. Er beugte sich zu ihr vor und nahm mit ihren Gedanken Kontakt auf.

    ›Ich muss es wagen‹, ließ er sie wissen. ›Außerdem haben wir nichts mehr zu verlieren. In dem Moment, in dem wir aufhören zu kämpfen, fangen wir an zu sterben.‹

    ›Aber ich habe sehr wohl noch etwas zu verlieren‹, widersprach sie. ›Nämlich dich. Und darum habe ich Angst um dich.‹

    Er küsste ihre Lippen ganz sanft. ›Ich kann nicht bei dir bleiben und nichts tun, Cassy. Wenn nichts geschieht, wird es bald keine Iszeroniten mehr geben. Natürlich kann es passieren, dass mir ein Sisoner das Genick bricht oder die Kehle durchschneidet. Aber das ist mir weitaus lieber als Däumchen zu drehen und darauf zu warten, dass irgendein Wunder geschieht.‹

    ›Aber was soll ich tun, wenn du eines Tages nicht mehr zurückkommst? Was wird dann aus mir?‹

    ›Du gehst zu Damian und sagst ihm, dass du mein Gebiet übernehmen willst. Und dann setzt du deine Forschung fort.‹

    ›Damian? Dein Chef? Zum einen weiß der noch nicht einmal, dass ich existiere und zum anderen hast du mir erzählt, dass für ihn Frauen nur dazu da sind, Männern zu Diensten zu sein.‹

    Owen seufzte. ›Eigentlich besteht in seinen Augen ihre Hauptaufgabe darin, Junge zu werfen und aufzuziehen. Da das bei uns nicht mehr funktioniert, betrachtet er jetzt jede Frau als Spielzeug.‹

    ›Und trotzdem willst du, dass ich zu ihm gehe? Mit dieser Einstellung wird er meine Arbeit sicher nicht unterstützen.‹

    ›Doch, denn er wird den Wert deiner Untersuchungen erkennen. Du kannst zwar davon ausgehen, dass er versucht, sich deine Erfolge selbst auf die Fahnen zu schreiben, aber er wird ganz schnell verstehen, dass du ihm von Nutzen sein kannst. Und dann wird er dir auch entgegenkommen, was die Gebietsleitung angeht.‹

    ›Daran liegt mir nichts.‹

    ›Das ist aber wichtig, Cassy. Du brauchst die Position, damit das Führungstrio dich ernst nimmt. Nur dann wirst du in Ruhe deine Forschung fortsetzen können.‹

    Nun hatte sie Tränen in den Augen. »Lass uns bitte aufhören, für den Fall deines Todes zu planen«, wisperte sie. »Ich kann und will mir nicht vorstellen, ohne dich zu leben.«

    Da zog er sie in seine Arme und hielt sie fest, um sie zu trösten. »Ich hoffe ja auch, dass du das niemals musst«, versicherte er.

     

    *

     

    Felix Breitenfelder konnte sich dunkel daran erinnern, dass er den Mann, der gerade auf ihn einredete, schon einmal gesehen hatte. Das war nicht verwunderlich, denn jemand wie er sollte einem eigentlich im Gedächtnis bleiben. Er war groß, hatte einen athletischen Körperbau und erstaunlich ausgeprägte Muskeln. Allein die Arme, die unter den Ärmeln des schwarzen T-Shirts hervorsahen, schienen ungefähr den Umfang von Felix’ Oberschenkeln zu haben. Das Gesicht des Mannes war markant und wurde von kinnlangen, mittelblonden Haaren eingerahmt. Nur die Augen waren merkwürdig farblos und stechend, was ihren Blick ausgesprochen unangenehm wirken ließ.

    »Also, hast du den Vertrag unterschrieben?«, fragte der Kerl.

    Ja, richtig, der Vertrag. Felix nickte und zog die Papiere aus seinem Rucksack, der neben ihm auf dem Fußboden stand.

    Darin willigte er ein, mehrere Wochen in einer Wohnung im Frankfurter Raum zu verbringen und diese nicht zu verlassen. Er durfte telefonieren, aber keinen Besuch empfangen. Er konnte sagen, was er essen und trinken wollte, doch er würde nicht selber einkaufen gehen oder einen Lieferservice beauftragen. Ihm standen Fernseher, Stereoanlage, eine Spielkonsole, ein Computer mit Internetanschluss und ein Festnetztelefon zur Verfügung, allerdings war es ihm nicht gestattet, sein eigenes Handy zu benutzen. Er hatte zur Bedingung gemacht, dass er zusätzlich seine Gitarre mitnehmen durfte. Außer diesem Typ, dessen Namen er sich einfach nicht merken konnte, würde er während der ganzen Zeit niemanden zu Gesicht bekommen.

    Ansonsten war das Einzige, was er tun musste, eine Art Protokoll zu führen, in dem er täglich einige Fragen beantworten sollte. Dafür würde er 100 Euro pro Tag bezahlt bekommen, auch für die Samstage und Sonntage. Wer konnte dazu schon nein sagen?

    Da Felix bereits vor dem Vertrag eine Schweigeverpflichtung unterschrieben hatte, musste er seinen Kumpels in der Uni etwas von Problemen zu Hause erzählen, die ihn zwangen, kurzfristig zu verreisen. Nur seine Freundin Kati war eingeweiht und kannte den wahren Grund für seine bevorstehende Abwesenheit. Auch sie durfte ihn jedoch nicht besuchen kommen. Sie würde noch nicht einmal seinen genauen Aufenthaltsort erfahren. Das war ein kleiner Wermutstropfen in der sonst so vorteilhaften Abmachung. Sie würden einander vermissen, aber immerhin konnten sie telefonieren und E-Mails schreiben.

    Felix schob den Vertrag über den Tisch. Es ging darin um irgendein sozialwissenschaftliches Experiment. Er hatte den Inhalt nicht genau verstanden, aber das war ihm gleichgültig. Das Projekt war von einer Ethik-Kommission genehmigt worden, so stand es da. Also musste es ja in Ordnung sein. Außerdem würde er keine Medikamente schlucken oder sonst etwas Gefährliches machen müssen. Er hatte Zeit, sich auf neue Songs zu konzentrieren und bekam jeden Tag 100 Euro, freie Kost und Logis. Bezahlter Urlaub sozusagen. Den Uni-Stoff würde er hinterher schon irgendwie nachholen. Mehr brauchte er nicht zu wissen.

    »Ich hole dich morgen früh um zehn Uhr bei dir zu Hause ab«, erklärte der Typ, der ihm gegenübersaß, nachdem er überprüft hatte, ob Felix die Papiere ordnungsgemäß unterschrieben hatte. »Pack erst einmal alles ein, was du für ungefähr vier Wochen brauchst.«

    Damit überreichte er ihm ein kleines Stück Papier, das an den Terminzettel bei einem Friseur erinnerte, und einen Kugelschreiber. »Notiere es dir am besten hier drauf, damit nichts schief geht. Schau, den Wochentag kannst du ankreuzen.« Er tippte auf die Buchstaben ›Mo‹ für Montag. »Daneben schreibst du das morgige Datum und trägst bei Uhrzeit ›10 Uhr‹ ein. Schreib darunter noch ›Abholung zu Hause‹.«

    Felix fand es zwar befremdlich, so exakte Anweisungen zu bekommen. Dennoch befolgte er sie, da dem Mann die Angelegenheit offensichtlich wichtig war. Leider nannte dieser nicht noch einmal seinen Namen, der Felix nach wie vor entfallen war.

    »Ich werde pünktlich bei dir sein«, erklärte der weiterhin Namenlose. »Bitte sieh zu, dass du rechtzeitig fertig bist, damit ich nicht auf dich warten muss.«

    Felix nickte. »Du kannst dich auf mich verlassen«, behauptete er großspurig. ›Beziehungsweise auf Kati‹, ergänzte er im Stillen, aber das brauchte er ja niemandem zu verraten. Er vermied es, in die stechenden, blassen Augen zu schauen und beobachtete stattdessen, wie der Mann die eine Kopie des Vertrags aufrollte, in die linke Hand nahm und sich erhob.

    »Also bis morgen«, hörte er noch, doch ehe er antworten konnte, war der Kerl verschwunden.

    Kurze Zeit später wunderte Felix sich, warum zwei Gläser Bier vor ihm standen. Er wusste nicht mehr, wer ihm gegenübergesessen hatte, er konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob dort überhaupt jemand gewesen war. Erst als er den Terminzettel vor sich auf dem Tisch bemerkte, kamen ihm ein paar Bruchstücke wieder in den Sinn.

    Ach ja. Er war wegen des Vertrags hier. Einige Wochen lang 100 Euro täglich fürs Nichtstun. Und als er ganz intensiv nachdachte, fiel ihm auch ein, dass er sich mit diesem … Typen unterhalten hatte. An den Namen konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, aber der musste ja auf seiner Kopie der Unterlagen eingetragen sein. Wie hatte der Kerl nochmal ausgesehen? Etwas an ihm war merkwürdig gewesen. Mit seinen Armen? Oder mit seinen Augen?

    Felix stützte stöhnend den Kopf in die Hände. Er hatte kein gutes Personengedächtnis und in Bezug auf seinen neuen Vertragspartner war seine Vergesslichkeit besonders schlimm. Bloß gut, dass dieser ihn den morgigen Termin hatte aufschreiben lassen, sonst hätte er den womöglich auch noch vergessen. Besser, er ging jetzt nach Hause, um seinen Koffer zu packen.