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Warum ich schreibe

Nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Ansicht gelangt, dass alles die Schuld meines Großvaters ist. Als kleines Kind kuschelte ich mich gern morgens, wenn wir eigentlich aufstehen sollten, zu ihm ins Bett und bettelte: „Großvati, erzählst du mir eine Geschichte von Kasperle und dem kleinen Krokodil?“ Fast immer tat er mir den Gefallen, aber einmal konterte er mit: „Nein, heute erzählst du mal.“

Wahrscheinlich dachte er sich, dass ich die bis auf kleine Abwandlungen immer gleiche Geschichte längst auswendig konnte. Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe, aber ich glaube, damals habe ich angefangen, mir Geschichten auszudenken.

Als Fünfjährige ersann ich Postkartentexte, meine Mutter schrieb sie mir in Blockbuchstaben auf und ich malte ab, was ich auf dieser Vorlage sah. Das Ergebnis war zumindest für Eingeweihte lesbar.

Dann kam ich zur Schule und lernte schreiben: In Druckbuchstaben, in Schreibschrift, sogar in Sütterlin. Aus den Postkarten wurden Briefe. Ich schrieb gern und, nach heutigen Maßstäben, viel an Verwandte und Freunde. Meine Aufsatznoten schwankten indessen zwischen eins und vier – je nachdem, ob mich das Thema interessierte oder nicht. Ich füllte Schreibhefte mit Abenteuergeschichten. Vorzugsweise handelten sie von Indianern, ausgelöst und gestützt durch Fotos aus Karl-May-Verfilmungen. Neben diesen positiven Auswirkungen meiner Fantasie gab es auch Klagen, weil ich es mit der Wahrheit oft nicht so genau nahm. Wenn mir mein Alltag zu grau und trist erschien, malte ich ihn mir in Gedanken bunter – und vergaß bisweilen zu erwähnen, dass ich den bunten Teil erfunden hatte.

Als Studentin schrieb ich Gedichte. Langweilige Vorlesungen waren nie ein Problem für mich, denn ich befasste mich einfach mit Themen, die mich mehr beschäftigten als der Lernstoff und kritzelte meine Gedanken im Versmaß an den Rand meiner Hefte. In dieser Zeit kamen die ersten größeren Sachtexte dazu: Referate, Aufsätze, Studienarbeit, Diplom- und Doktorarbeit, Schreiben nach Vorschrift, nur Tatsachen, aber trotzdem anschaulich und lebendig. Ich stieg um vom Bleistift auf den Computer. Auch heute besteht meine Arbeit zu einem großen Teil aus dem Erstellen von Berichten, Stellungnahmen, Zusammenfassungen und derartigen Texten.

Im Jahr 2001 folgte der nächste Entwicklungsschritt in Bezug auf meine schriftstellerischen Ambitionen. Der viel zu frühe Unfalltod eines lieben Verwandten brachte mich nämlich zu der Erkenntnis, dass ich die Dinge, die ich in meinem Leben unbedingt erreichen möchte, nicht auf die lange Bank schieben sollte. Also schrieb ich meinen ersten Roman. Das war eine turbulente und aufregende Zeit, denn meine Romanfiguren zogen gewissermaßen bei mir ein, ich begleitete sie in ihrem Alltag, beobachtete sie und brachte zu Papier, was ich sah. Dabei schrieb ich nicht für die berühmt-berüchtigte Schreibtisch-Schublade, sondern für ein paar handverlesene Test-Leserinnen, Frauen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenem Hintergrund, die ich bat, meinen Roman zu lesen und zu kommentieren. Sie hatten anscheinend beim Lesen ebenso viel Spaß wie ich beim Schreiben, denn als die erste Geschichte zu Ende erzählt war, fragten sie nach der nächsten. Das ermutigte mich, weiter zu machen.

Aber erst zwölf Jahre später wagte ich mich an die nächste Etappe: Einer meiner Romane, „Staub von den Sternen“, erschien im Februar 2013 als Taschenbuch. Was ursprünglich als Einzelband geplant war, ist mittlerweile zur Trilogie angewachsen. Band 2 „Was andere nicht haben“ folgte 2014 und Band 3 „Diesseits der Unendlichkeit“ 2016. Inzwischen schreibe ich an etwas Neuem, denn das Geschichtenerzählen ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken.

Ideen fürs Schreiben habe ich reichlich und täglich werden es mehr. Irgendwie finden sie mich. Da ist ein Satz, den ich irgendwo höre oder lese, eine Person, die ich irgendwo sehe, eine Stimmung, die ich wahrnehme – und plötzlich habe ich ein paar Bilder dazu im Kopf. Das ist natürlich nur der Anfang, etwa vergleichbar mit einem Stück Wollfaden, den man findet und wenn man daran zieht, wickelt man allmählich das ganze Knäuel ab. Wie bei Wolle gibt es ganz unterschiedliche „Erzählfäden“: einfarbige und bunte, glatte und raue, solche die endlos weiterzugehen scheinen und solche, die gleich wieder abreißen. Ich suche mir die schönsten heraus und daraus werden dann meine Bücher. Dabei beginnt für mich alles mit den handelnden Personen, mit ihren Eigenschaften und Macken, mit ihrem Aussehen und ihrer Herkunft, mit ihren Gefühlen und ihren Gedanken. Diese stehen im Mittelpunkt und aus ihnen ergibt sich die Handlung.

Ich will Geschichten erzählen, die sich zwar nicht wirklich zugetragen haben, aber die so glaubwürdig und lebensecht sind, dass sie jederzeit tatsächlich hätten geschehen können. Und ich will Spannung erzeugen, die bewirkt, dass die Leserin immer weiter blättert und keine Ruhe hat, bis sie am Ende angekommen ist.

Mir ist es sehr wichtig zu erfahren, wie meine Geschichten bei den Lesern ankommen. Daher freue ich mich sehr über Feedback zu meinen Romanen – gleichgültig, ob persönlich bei einer meiner Lesungen, oder auf Facebook oder bei Amazon, lovelybooks oder persönlichen Blogs.

Lily Konrad_200

Viel Spaß beim Lesen!

Eure

Lily Konrad