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Cats Bestimmung

»Wer hat sie gefunden?«, erkundigte sich Sandro und wollte sich eben von der Leiche abwenden, als Cat unmittelbar neben dem Bett in die Hocke ging.
›Jetzt knickt sie ein‹, dachte er mit einer Mischung aus Erbitterung und Genugtuung. ›Ist ja auch kein Wunder, denn wahrscheinlich ist das hier das erste Mal, dass sie ein Mordopfer sieht. Das ist mit Sicherheit zu viel für sie, auch wenn sie hier die ganze Zeit die starke Frau mimt. Sieht eben in der Theorie alles etwas anders aus als in der Praxis. Aber wenn sogar ein gestandener Kerl wie Norbert Depressionen davon bekommt, wird so ein junges Mädel erst recht …‹ Weiter kam er nicht. Von der anderen Seite des Bettes aus richtete sich Cats Blick wie ein Laserstrahl auf ihn und verhinderte jeden weiteren Gedanken.
»Was ist das für ein Dolch?«, fragte sie. »Haben Sie so etwas schon einmal gesehen? Es sind Schriftzeichen darauf, die ich nicht kenne. Arabisch sehen sie nicht aus, eher asiatisch. Aber für Japanisch oder Chinesisch sind sie zu einfach. Können Sie etwas damit anfangen?«
Sandro trat neben Cat und beugte sich zu dem Dolch hinab. Erst konnte er nichts erkennen, aber dann sah er die geschwungenen Linien und ein paar Punkte am Griff, knapp oberhalb des Heftes. Für ein Muster waren sie zu unregelmäßig, doch die Anordnung ließ tatsächlich vermuten, dass es sich dabei um Schriftzeichen handeln könnte.
Das Parfüm der Toten stieg Sandro in die Nase, vermischt mit dem bereits einsetzenden süßlichen Geruch des Todes. Ihm wurde übel. Er leitete schon seit beinahe acht Jahren Mordkommissionen, hatte weitaus schlimmere Tatorte gesehen als diesen hier, aber an den Verwesungsgestank würde er sich wohl niemals gewöhnen können. Wie konnte es sein, dass Cats Geruchsnerven darauf nicht reagierten? Überhaupt war es Sandro unverständlich, wie unbeeindruckt seine Mitarbeiterin zu sein schien. Dies war ihr erster Einsatz am Fundort einer Leiche, dennoch ließen die Eindrücke sie anscheinend völlig kalt. Entweder sie hatte keine Gefühle oder sie war eine verdammt gute Schauspielerin.


›Aber du verstehst mich trotzdem. Nicht wahr, Kätzchen?‹
Cat wusste nicht, was sie mehr auf die Palme brachte: Matteos unverschämtes Grinsen, die Selbstverständlichkeit, mit der er über Gedankenaustausch mit ihr kommunizierte oder dieser dämliche Kosename, für den sie ihn noch nicht einmal maßregeln konnte, weil er ihn nicht ausgesprochen, sondern nur gedacht hatte. Sie funkelte ihn böse an, aber dadurch wurde sein Grinsen nur noch breiter.
›Nenn mich gefälligst nicht Kätzchen‹, dachte sie wütend.
›Süße, noch hast du mir gar nichts zu befehlen. Und der Name passt hundertprozentig zu dir. Also fahr deine Krallen wieder ein und hör auf zu fauchen.‹
Catriona verengte die Augen zu Schlitzen. ›Was meinst du mit ›noch habe ich dir gar nichts zu befehlen‹? Wird sich das irgendwann ändern?‹, wollte sie wissen.
Matteo nickte kurz, aber bevor sie weitere Fragen stellen konnte, schaltete sich Geli ein. »Was hast du vor, meine Liebe? Willst du ihn mit deinen Blicken töten?«, fragte sie. »Ehrlich gesagt, fände ich das sehr schade. Was hat er dir denn getan?«
Bei diesen Worten erwachte Cat wie aus einer Trance. Sie schüttelte sich, dann versuchte sie zu lächeln. »Entschuldigt bitte. Ich bin momentan auf meine Verwandtschaft nicht besonders gut zu sprechen. Nicht weil sie mir etwas getan hätten, sondern weil sie eben nichts gemacht haben. Ich fühle mich von ihnen im Stich gelassen, deshalb sehe ich keinen Grund, freundlich zu ihnen zu sein.«
Doch da zog Matteo sie lachend in seine Arme und drückte sie an sich. »Aber jetzt bin ich doch da. Und ich bleibe, solange du mich in deiner Nähe haben willst«, versicherte er.
Ganz gegen ihre Gewohnheit ließ Cat ihn gewähren. Zum einen war sie am Ende ihrer Kräfte und wollte gern glauben, dass sie nun die Unterstützung bekommen würde, auf die sie gewartet und gehofft hatte. Zum anderen fühlte die Umarmung sich unglaublich gut an. Ein leiser Schreck durchzuckte sie, als ihr klar wurde, in welche Richtung ihre Gedanken gingen.
›Er ist mein Onkel‹, dachte sie entsetzt. ›Ich sollte ihn nicht als Mann attraktiv finden und ich sollte es nicht mögen, wie er mich in den Armen hält. Jedenfalls nicht auf diese Art.‹
›Warum denn nicht?‹, kam seine Antwort prompt und Cat meinte, ein amüsiertes Glucksen zu hören. ›Wir sind nicht blutsverwandt, also hab keine Scheu.‹
Sie seufzte leise. ›Ich muss mich noch dran gewöhnen, dass ich nicht mehr denken kann, was ich will, ohne dass es jemand mitkriegt.‹
Er schien einen Moment lang zu stutzen, ehe er antwortete. ›Es ist tatsächlich sehr wichtig, dass du lernst, deine Gedanken gegen Eindringlinge zu schützen.‹
Als sie nun das Gesicht hob, um ihm in die Augen zu schauen, war sein Grinsen verschwunden und hatte einem Ausdruck der Besorgnis Platz gemacht. Zwischen seinen Brauen stand eine steile Falte, die unmissverständlich klarmachte, dass er aufgehört hatte zu scherzen.


Beim Zusammenprall fiel Cat die weiße Plastiktüte aus der Hand und der Inhalt beider Styroporbehälter entleerte sich auf den Gehweg. Reflexartig griff sie nach dem Schulterriemen ihrer Handtasche, damit diese nicht auch noch zu Boden ging. Sie sah schwarzes Leder direkt vor ihren Augen und hörte eine tiefe Stimme, die mit amüsiertem Unterton fragte: »Hoppla, was haben wir denn hier?«
Jemand anderes ergänzte: »Ziemlich stürmisch, die Kleine.«
»Hey!« Zwei starke Hände fassten sie an den Schultern und schoben sie ein kleines Stück zurück. »Kannst du auch sprechen?« Unter dem Leder schienen sich Muskeln zu befinden. Cats Blick glitt langsam nach oben, über ein energisches Kinn, einen sehr anziehend wirkenden Mund, der allerdings zu einem spöttischen Grinsen verzogen war, eine gerade Nase und weiter zu einem Augenpaar. Sturmgrau. Mit intensivem Blick, der ihren Atem stocken ließ. Etwas tief in ihrem Inneren wurde davon getroffen und schien erstaunt den Kopf zu heben.
Sie empfand Erleichterung, weil der Kerl tatsächlich nicht aussah wie einer ihrer Feinde. Sein Äußeres war weder nichtssagend noch farblos. Seine Haut hatte einen leichten Kupferton und die Haare waren so tiefschwarz wie ihre eigenen. Cat konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor einem Mann begegnet zu sein, der so anziehend auf sie gewirkt hatte.
Sie schüttelte sich leicht. Solche Gedanken konnte sie gerade überhaupt nicht gebrauchen. Gleichzeitig stieg Wut in ihr hoch, in erster Linie wegen ihrer eigenen Hilflosigkeit. Sie löste sich von dem Blick ihres Gegenübers, schob seine Hände von ihren Schultern und schaute nach rechts und links.
Wie sie dadurch unschwer feststellen konnte, stand sie drei bedrohlich wirkenden Gestalten gegenüber. Alle waren groß, muskulös und trugen Jeans und schwarzes Leder. Die Logik sagte ihr, dass sie besser vorsichtig sein sollte, weil sie dieser Phalanx aus Muskeln und Kraft hoffnungslos unterlegen war. Aber ihr Temperament war nicht mehr zu zügeln.
»Allerdings kann ich sprechen«, fauchte sie erbost. »Und das Mindeste was ich von euch erwarte, ist, dass ihr euch entschuldigt. Wegen euch ist nämlich gerade mein Abendessen auf der Straße gelandet.«
»Wegen uns?«, fragte derjenige, der rechts vor ihr stand und vor dessen Füßen sich der Inhalt des Plastikbeutels entleert hatte. »Du hättest ja mal gucken können, wo du hinläufst. Eigentlich sind wir nicht leicht zu übersehen.«
Die Tatsache, dass er recht hatte, ließ Cats Zorn keineswegs schwinden. Im Gegenteil. Sie funkelte ihn böse an, doch bevor sie noch etwas erwidern konnte, kam ihr der Typ zuvor, mit dem sie zusammengestoßen war: »Lass es gut sein, Pete. Sie ist eine von uns.«
Ihr Blick schnellte zu ihm zurück. Jeglicher Spott war aus seiner Miene verschwunden und hatte einem anderen Ausdruck Platz gemacht, den sie nicht einordnen konnte. Sie merkte nur, dass sie ihn nicht zu intensiv anschauen durfte, sonst würde sie sich im Grau seiner Augen verlieren wie ein Schiff im Sturm.