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Was andere nicht haben – Leseprobe

Kurze Zeit später saßen sie an einem von der Sonne beschienenen Tischchen in einem Gartenlokal und tranken Kaffee.

»Tut mir leid, ich hatte nicht geahnt, dass dich Karl Angers Trauerfeier so mitnehmen würde«, versicherte Robin, als Claudia sich zunächst weiterhin in Schweigen hüllte. »Sonst hätte ich jemand anderes gebeten mitzukommen. Ich dachte, er hätte dir nicht sonderlich nahe gestanden.«

»Hat er auch nicht«, entgegnete Claudia. »Es ist nicht wegen Herrn Anger. Ich bin nur durch unser Gespräch vorhin mal wieder ins Grübeln gekommen.« Sie lächelte unglück­lich. »Das passiert mir zum Glück nicht oft. Normaler­weise halte ich die Gespenster in meinem Schrank sorgfältig unter Ver­schluss, weißt du. Aber nun sind sie einmal entwischt, da dauert es eine Weile, bis ich sie wieder eingefangen habe.«

Alle, denen sie bisher etwas in dieser Art erzählt hatte, hatten gelacht. Nicht einmal Judith hatte in diesem Fall mit der bildhaften Ausdrucksweise etwas anfangen können. Dabei war sie doch Claudias beste Freundin und verstand sie sonst immer.

»Besser Gespenster im Schrank als Leichen unterm Bett«, hatte sie gemeint, aber dann doch vor­sichtshalber einen Blick in Claudias Schlafzimmer geworfen.

Doch Robin lachte nicht, sondern nickte ernst. »Das Gefühl kenne ich«, gab er zu. »Wenn man sich zum hunderttausendsten Mal fragt, ob man nicht doch eine Mitschuld trägt, ob man es hätte verhindern können und ob alles anders gekommen wäre, wenn man sich nur anders verhalten hätte.«

Erstaunt sah Claudia ihn an. »Ja, genau.«

Robin starrte in seine Kaffeetasse. Plötzlich, einem Impuls folgend, ergriff Claudia seinen Arm. »Erzähl mir von deinen Gespenstern«, verlangte sie.

»Sie sind, glaube ich, mit deinen verwandt«, erklärte Robin zögernd. »Meine Mutter hat sich das Leben genommen. Mit Schlaftabletten. Aber da waren meine Eltern schon seit fast zehn Jahren getrennt. Ich hatte meine Mutter genau so lange nicht mehr gesehen.«

»Ja, aber … «, begann Claudia.

»Lass es gut sein, Claudia«, unterbrach Robin sie. »Darüber reden macht es nicht besser. Im Gegenteil. Zu ändern ist es ja ohnehin nicht mehr.«

Ihre Blicke trafen sich. Für einige Momente war es, als hätten sie endlich eine gemeinsame Basis gefunden, auf der sich etwas aufbauen ließ. Claudia empfand das dringende Bedürfnis, sich in seine Arme sinken zu lassen und al­les zu vergessen, was sie trennte. Ihre Gesichter näherten sich einander, so nah, dass Robin wieder die hellen kleinen Sommersprossen unter ihren Augen und auf ihrer Nase erkennen konnte. Doch dann, mit einem Mal, packte sie wieder die Panik. Fluchtartig zog sie ihre Hand von seinem Arm, wandte den Kopf in eine andere Richtung, presste die Lippen aufeinander.

»Entschuldige«, murmelte sie.

»Nein«, antwortete Robin bestimmt, »ich entschuldige nicht.« Damit legte er eine Hand auf ihre ihm abgewandte Wange und drehte ihren Kopf zu sich zurück. »Was soll das, Clau­dia? Warum benimmst du dich jetzt wie ein verschrecktes Kaninchen?«

»Robin, wir sollten das nicht tun«, sagte sie. Es klang beinahe flehend. Aber warum wollte der Ausdruck in ihren Augen so gar nicht zu den Worten passen, die aus ihrem Mund kamen?

»Was nicht tun?«, bohrte er weiter, ohne sie loszulassen.

Die Situation an dem Abend auf dem Parkplatz des italienischen Restaurants fiel ihr wie­der ein. War dies hier so ähnlich? Hatte sie wieder etwas falsch verstanden? Aber: Was konnte sie missverstehen an diesem »Komm schon«-Ausdruck in seinen Augen?

»Das, was du eben tun wolltest«, erklärte sie daher. »Genau das sollten wir nicht tun.«

»Warum soll ich dich nicht küssen?« Er ließ nicht locker. Diesmal nicht. Dass er es aussprach, machte den Verzicht umso schwerer.

Sehnsüchtig schaute sie auf sei­nen Mund, diese sinnlich geschwungenen Lippen, die sie nur zu gern auf ihren ge­spürt hätte. Immer noch hatte er knapp über der Oberlippe eine kleine helle Stelle, Hinterlassenschaft seiner Windpocken-Erkran­kung.

»Du bist mein Chef. Ich will in deiner Firma Karl Angers Stelle übernehmen«, begann sie, aber er fiel ihr ins Wort.

»Das weiß ich, Claudia, aber das ist nur die halbe Wahrheit.«

»Was?«, fragte sie verwirrt.

»Unser Gespräch vorhin zum Beispiel. War das vielleicht eines, wie es der Firmenchef mit einer Abteilungsleiterin führen würde?«

»Äh, nein«, gab sie zu, »das zwar nicht …«

Wieder ließ er sie nicht ausreden. »Also, Karl habe ich solche Dinge jedenfalls nicht erzählt und er mir auch nicht.«

Noch immer hielt er ihr Gesicht fest, hatten sich seine Augen auf ihre geheftet.

Sie spürte, wie ihr warm wurde, bis unter die Haarwurzeln und bis zu den Fußsohlen. Langsam, aber sicher kroch ihr die Erregung zwischen die Beine. Wenn sie jetzt nicht handelte, würde sie alle Vorsicht sausen lassen. Energisch schob sie seine Hand unter ihrem Kinn fort.

»Bitte, hör auf, Robin. Auch wenn wir uns ziemlich private Dinge erzählt haben, kommt eine Affäre nicht in Frage. Ich denke nicht, dass das klug wäre.«

»Klug vielleicht nicht«, nickte Robin, »aber schön.«

Sie schüttelte den Kopf. »Schön? Bestimmt nicht lange. Spätestens, wenn ich mich um Karl Angers Stelle be­wer­be und die möglicherweise bekomme, wird es heißen, ich hätte mich in diese Posi­tion hinaufgeschlafen. Dann wird es alles andere als schön. Zumindest für mich.«

»Das ist der Grund?«, fragte er ungläubig. »Du machst dir Sorgen, was die anderen in der Firma über dich denken? Deswegen darf ich dich nicht küssen?«

»Ja, das ist der Grund. Ich verbringe die meiste Zeit meines Wachzustands in der Firma. Deshalb ist es mir wichtig, was meine Kolleginnen und Kollegen von mir den­ken.«

Er schwieg, einige Sekunden, die ihr vorkamen wie Stunden. »Okay«, sagte er dann, »wie du willst.«

Er schaute sich nach der Bedienung um und winkte sie heran. »Die Rechnung bitte.«

Gleich nach dem Bezahlen stand er auf.

»Los komm«, forderte er Claudia auf, »die Pflicht ruft.«

Es war, als könne sie noch den Stoff seiner Jacke unter ihren Fingerkuppen spüren, sei­ne Hand an ihrer Wange, den Blick seiner Augen, der ihr Innerstes zu erforschen suchte.

›Ich liebe dich, Robin‹, dachte sie unglücklich, als sie aufstand und hinter ihm her zum Auto ging. ›Aber bitte versteh doch, dass das nicht geht.‹


Claudia und Silvia wären auf dem Flur beinahe zusammengestoßen, als sie beide aus verschiedenen Richtungen auf die Tür von Janas Büro zu hasteten.

»Weißt du, was los ist?«, fragte Claudia.

Silvia schüttelte den Kopf. »Nein, aber es klang eilig. Irgendwas muss passiert sein.«

Sie klopfte an und öffnete die Tür ohne eine Antwort abzuwarten. Im selben Moment kam Robin vom Treppenhaus her dazu.

»Jana, was gibt es denn so Dringendes?« Er wirkte besorgt und ärgerlich. »Warum hast du uns zusammengetrommelt?«

Janas Aufregung war ihr deutlich anzumerken. Ihre sonst so kühle Gelassenheit war völlig verschwunden, als sie sich auf einen Stuhl fallen ließ. Sie knallte eine Zeitschrift auf ihren Konferenztisch.

»Ich bin so ein Esel!«, erklärte sie dazu. »Ich hätte wirklich allein drauf kommen können, statt mich von dieser Zeitschriftentante mit der Nase drauf stoßen zu lassen.«

»Jana!« Robins Stimme klang scharf. »Würdest du bitte zum Punkt kommen? Ich habe in zehn Minuten die nächste Telefonkonferenz.«

»Erinnerst du dich an das Video, das wir auf Facebook gestellt haben?«

Er überlegte. »Das von Marvin Bender an unserem Düsseldorfer Messestand?«

»Genau das. Sie hat drüber geschrieben. In der letzten Ausgabe von ›Angesagt‹.« Jana zeigte auf die Zeitschrift, die vor ihr auf dem Tisch lag. »Die ist gestern erschienen.«

»Und?«, fragte Robin. »Lass mich raten, wahrscheinlich hat sie es niedergemacht, oder?«

»Nein, sie hat davon geschwärmt«, erklärte Jana finster.

»Ja, und? Dann verstehe ich nicht …«, begann Robin.

»Und heute wird unser Account überschwemmt von Anfragen. Alle wollen mehr Bilder.«

Weder Silvia noch Claudia hatten bislang die Chance gehabt, ein Wort von sich zu geben. Sie schauten nur von Jana zu Robin und wieder zu Jana, als würden sie den Ball bei einem Tennis-Match verfolgen.

»Mehr Bilder?«, wiederholte Robin ungläubig. »Von Marvin Bender? Komm schon, Jana, dafür sind wir doch nicht zuständig. Außerdem gibt’s die nicht nur auf unserer Facebook-Seite. Der hat doch eine eigene Homepage und tritt oft im Fernsehen auf.«

»Nein«, erwiderte Claudia leise, die begriffen hatte, worauf Jana hinauswollte. »Es geht nicht um Marvin Bender.«

Die drei Frauen sahen sich an.

›Der Typ hat einen Brad-Pitt-Faktor von mindestens 80 bis 90 Prozent‹, schoss es Claudia durch den Kopf. Das hatte Judith über Robin gesagt, als sie ihn zum ersten Mal live gesehen hatte.

›Er hat das Aussehen und die Ausstrahlung eines Filmstars‹, wiederholte Silvia in Gedan­ken Rolfs Kommentar zu Robin.

›Du wirst keinen finden, der so gut aussieht wie Robin‹, fielen Jana ihre eigenen Worte wieder ein. Das hatte sie Claudia versichert, als es darum ging, welcher Friseur für den Fernsehwerbespot geeignet sein könnte. Eigentlich hätte sie da schon einen Schritt weiter denken können.

Drei Augenpaare richteten sich auf Robin.

»Was?«, fragte er verwundert und schaute von einer zur anderen, immer auf der Suche nach nicht ausgesprochenen Informationen. »Es geht doch nicht etwa um Bilder von mir?« Robin deutete mit seinem rechten Zeigefinger auf sich selbst.

»Warum denn nicht?«, meinte Jana. »Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, ob es nicht irgendetwas gibt, was uns von den anderen Herstellern von Haarpflegeprodukten unterscheidet. Irgendetwas, was andere nicht haben. Dabei hätte ich bloß mal die Augen aufmachen müssen, dann hätte ich es gesehen. Die Redakteurin von ›Angesagt‹ hat in ihrem Artikel von deinem Aussehen und deiner Ausstrahlung geschwärmt, die ganzen Anfragen auf Facebook wollen nur das eine: mehr Bilder von dir. Du könntest einen Werbespot drehen, dein Aussehen für die Zwecke der Fir­ma einsetzen. Dann würden deine neuen Fans den Namen ›H – Hair Cosmetics‹ mit deinem Gesicht in Verbindung bringen. Und hoffentlich scharenweise unsere Produkte kaufen.«

»Ihr meint doch wohl nicht allen Ernstes, ich soll einen Friseur mimen?«, forschte Robin zweifelnd.

»Nein«, widersprach Silvia. »Du kannst ja als der auftreten, der du wirklich bist: Robin Huth, Chef der Firma ›H – Hair Cosmetics‹.«

»Im Stil des freundlichen Herrn im weißen Kittel mit Zahnbürste und Apfel, der den Zu­schauern früher was über Zahnpasta erzählt hat?«, erkundigte Robin sich belustigt. »Nur dass ich was über Shampoo erzählen soll statt über Zahnpasta?«

»Ja, so ähnlich«, bestätigte Jana unbeirrt. »Den weißen Kittel kannst du allerdings weglassen.«

»Die Zahnbürste auch«, ergänzte Claudia.

»Vermutlich sogar den Apfel«, ließ sich Silvia vernehmen.

»Ihr meint es tatsächlich ernst, was?«

Die drei Frauen nickten heftig.

»Welche andere Firma hat schon einen Chef, der so gut aus­sieht wie ein Filmschauspieler aus Hollywood?«, platzte Claudia heraus.

Sie wurde rot, aber da war es schon zu spät. Sie konnte die einmal ausgesprochenen Worte nicht wieder zurücknehmen. Der Blick seiner Augen bohrte sich in ihre. Er lächelte halb belustigt, halb verstehend. Doch der stum­me Dialog dauerte nur wenige Sekunden, dann schaute Robin wieder in die Runde.

»Das muss ich mir in Ruhe überlegen«, erklärte er, »denn das ist ein komplett neuer Ansatz für mich. Lasst mir ein paar Tage Zeit, um darüber nachzudenken.«

»Robin«, stöhnte Jana, »was gibt’s denn da zu überlegen?«

»Wir müssen irgendwie reagieren«, erklärte Silvia.

»Wie wäre es mit einer Abstimmung über Facebook?«, schlug Claudia vor.

»Abstimmung worüber?«, wollte Robin wissen.

»Ob wir in Zukunft mit deinem Foto werben sollen«, erklärte Claudia.

»Ist doch jetzt schon klar, was dabei rauskommt«, murrte Jana.

»Ja, aber es verschafft uns ein paar Tage Zeit«, warf Silvia ein.

»Also schön«, gab Jana nach und seufzte. »Aber lass dir nicht zu lange Zeit, Robin. Sonst kann so eine Stimmung auch schnell umschlagen.«