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1001 Angst

  • 1001 Angst

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  • Als ich aufwachte, war mir speiübel und mein Schädel dröhnte, als hätte ich die ganze Nacht gesoffen. Dabei konnte ich mich gar nicht an einen Abend in der Kneipe erinnern.

    »Jonathan? Bist du da?«, wollte ich fragen, aber aus irgendeinem Grund konnte ich nicht sprechen. Es war dunkel um mich herum, ich hörte ein Motorengeräusch. Nur langsam kam ich zu mir, begann meine Umgebung wahrzunehmen. Das hier war nicht mein Schlafzimmer, auch die vertraute Silhouette meines Lebensgefährten war nirgendwo erkennbar. Gerade als ich feststellte, dass ich auf einer harten Unterlage lag, bekam ich einen Stoß von der Seite und rollte über den Boden. Das tat höllisch weh, besonders, weil ich meine Arme und Beine nicht bewegen konnte. Aber warum nicht?

    Mein Kopf knallte gegen die Wand, so dass ich beinahe erneut das Bewusstsein verlor. Gleich darauf wurde ich in die entgegengesetzte Richtung geschleudert. Ich wollte schreien, aber auch das ging nicht. Zum Glück stieß ich nicht an die gegenüberliegende Wand, sondern blieb vorher liegen. Eine kleine Verschnaufpause war mir vergönnt, in der ich mich sortieren konnte.

    Als ich endlich ganz wach war, stellte ich fest, dass ich geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt war. Ich lag auf der Ladefläche eines Lieferwagens, der sich in voller Fahrt befand. Wie war ich bloß hierhergekommen? Wo war ich gewesen, bevor ich hier gelandet war? Ich versuchte mein Möglichstes, mich zu erinnern.

    Doch die nächste Kurve kam und schon wieder rollte ich haltlos gegen die Wand. Wieder diese tierischen Schmerzen. An den Händen, den Schultern, die heftig gegen die unnatürliche Haltung zu protestieren schienen, in die sie gezwungen wurden. Ich wollte mich irgendwie am Untergrund festklammern, doch meine Hände waren fest verschnürt. Dann zerrte ich an meinen Fesseln, die Angst vor den Schmerzen beim Hin- und Herrollen trieb mich an. Ich bäumte mich auf, versuchte meine Handgelenke aus den Stricken zu winden, aber das gelang nicht. Meine Fesseln gaben nicht nach, nicht im Geringsten. Stattdessen schnitten sie tief in meine Haut ein. Wer auch immer meine Gliedmaßen zusammengebunden hatte, wusste, wie man so etwas machte. In mir wuchs die Erkenntnis, dass ich gerade entführt wurde.

    Das ließ meine Angst anschwellen. Nun fürchtete ich mich nicht mehr nur vor den Qualen, die durch das Herumwirbeln auf der Ladefläche entstanden. Wer war mein Entführer? Fuhr er den Lieferwagen? Wohin brachte er mich und was hatte er mit mir vor?

    Ich bemühte mich verzweifelt, mich zu beruhigen und klare Gedanken zu fassen. Ich konnte mich vage erinnern, dass mir ein hellgrauer Lieferwagen auf dem Krankenhaus-Parkplatz aufgefallen war, als ich nach dem Spätdienst zu meinem Auto gegangen war. Tagsüber hatten zwar meistens mehrere solcher Fahrzeuge da gestanden, aber nicht abends um 22 Uhr. Ich hatte an diesem Lieferwagen vorbei gemusst, auch das wusste ich noch. Aber ich konnte mich nicht mehr erinnern, was dann passiert war. Jedenfalls war ich nicht bei meinem Auto angekommen, sondern stattdessen auf dieser Ladefläche gelandet. War ich nur zufällig zur passenden Zeit am falschen Ort gewesen oder hatte der Entführer es gezielt auf mich abgesehen?

    Um Lösegeld konnte es jedenfalls nicht gehen. Weder meine Eltern noch Jonathan verfügten über eine nennenswerte Geldsumme. Doch vielleicht wusste der Entführer das nicht? Oder er hatte mich verwechselt? Sollte das der Fall sein, würde er seinen Irrtum sicher bald bemerken. Spätestens, wenn er Lösegeldforderungen stellte, die nicht erfüllt wurden.

    Ich versuchte mir vorzustellen, wie er reagieren würde, wenn er herausfand, dass meine Eltern keinen größeren Geldbetrag aufbringen konnten. Wahrscheinlich würde er die Wut über seine Enttäuschung an mir auslassen, mich vielleicht sogar umbringen.

    Wieder eine Kurve, die mich quer durch den Wagen schleuderte. Hilflos musste ich es geschehen lassen. Dabei steigerte sich meine Angst zur Panik. Was immer mich am Ziel dieser Fahrt erwartete, es würde mit Sicherheit noch weitaus schlimmer sein als meine gegenwärtige Lage. Wie eine Irre riss ich an den Stricken, mit denen ich gefesselt war. Natürlich umsonst.

    Dann hielt der Wagen an, der Motor wurde ausgeschaltet.

    Stille.

    Mit weit aufgerissenen Augen lag ich da und lauschte. Doch zunächst hörte ich nur das Blut in meinen Ohren rauschen, während mein Herz so heftig schlug, dass ich es in meiner Brust hämmern spürte.


    Als das Warnlämpchen am Armaturenbrett aufleuchtete, stieß Josef einen lauten Fluch aus: Kein Benzin mehr, jedenfalls nicht genug für die Heimfahrt. Er musste zur Tankstelle, noch bevor er sich Richtung Autobahn aufmachte. Glücklicherweise war die nächste, einigermaßen preiswerte Tanke ganz in der Nähe des Krankenhauses und damit der Baustelle, auf der er arbeitete. Josef fuhr an eine freie Zapfsäule. Bevor er ausstieg, warf er einen Blick in seinen Geldbeutel. Volltanken war nicht drin, aber 30 Liter müssten reichen um nach Hause und am Montag wieder hierher zurückzukommen.

    Während das Benzin in den Tank lief, behielt Josef die Liter-Anzeige im Auge und achtete nicht auf die anderen Kunden an der Tankstelle. Daher bemerkte er weder den weißen VW Polo, noch die junge Frau, die ausstieg und eilig begann ihren Wagen zu betanken.

    An der Kasse war eine kleine Schlange entstanden, so dass Josef einen Moment warten musste. Doch gerade, als er an der Reihe war, kam die Frau hereingestürzt, die den weißen Polo fuhr. Sie mochte Anfang 20 sein, war einen halben Kopf kleiner als Josef und zierlich. Sie trug Jeans, ein dunkelrotes T-Shirt und darüber eine mittelblaue Fleecejacke. Ihre langen braunen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.

    »Ich muss dringend zur Arbeit«, erklärte sie, während sie zu Josef aufschaute. Sie hatte warme, braune Augen und musterte ihn einen Moment lang damit. Dann bat sie ihn mit einem koketten Augenaufschlag: »Wären Sie bitte so freundlich mich vorzulassen? Ich mach auch ganz schnell.«

    Josef war zu verblüfft um gleich zu widersprechen und das nutzte die Frau aus. Als er seine Überraschung überwunden hatte, hätte er ihr für ihr unverschämtes Verhalten gerne eine geklebt, aber inzwischen schenkte sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Mann an der Kasse. Josef würdigte sie dagegen keines Blickes mehr.

    »Hey, Chris«, begrüßte sie den Kassierer. »Die Vier und zwei Riegel Mars. Und beeil dich. Ich muss zum Dienst.«

    »Ah, Schwester Lina«, grinste der Tankwart. »Wie immer in Eile. Warum kommst du nicht einfach mal abends nach deiner Arbeit? Dann hättest du genügend Zeit, um ganz in Ruhe zu tanken, statt hier Hektik zu verbreiten.«

    »Erstens ist dann mein Lieblings-Tankwart nicht mehr im Dienst«, lächelte die Frau und zwinkerte ihm zu, »und zweitens hätte ich dann in meiner Pause keine Schokolade.«

    »Diesen knackigen kleinen Arsch würde ich gern mal mit einem Rohrstock bearbeiten«, dachte Josef indessen und kniff die Augen zusammen. Er fühlte sich durch das Benehmen der jungen Frau selbst jetzt noch provoziert und hätte sie sicher mit einem eisigen Blick bedacht, um sie einzuschüchtern, wenn sie ihn angesehen hätte. Aber sie drehte sich nicht noch einmal zu ihm um. In seiner Vorstellung zog er ihr die Jeans aus, legte sie über den Tresen, fesselte ihre Hände, holte mit dem Stock aus …

    »Die Sechs, nehme ich an?«, fragte der Tankwart ihn in diesem Moment.

    »Vielen Dank noch einmal«, trällerte die Frau, die der Mann an der Kasse vorhin ›Schwester Lina‹ genannt hatte und die nun den Kassenraum genauso hastig verließ, wie sie gekommen war.

    Josef beeilte sich zu bezahlen und ihr nach draußen zu folgen. Er sah den weißen Polo hinter der Tankstellenausfahrt nach rechts abbiegen und sich in den fließenden Verkehr einfädeln. Glücklicherweise hatte Josef in dem Lieferwagen eine leicht erhöhte Sitzposition und konnte ein Stück weit die Straße hinabblicken. So gelang es ihm, an dem kleinen Wagen dran zu bleiben und Lina zu verfolgen. Sie fuhr zu dem Krankenhaus zurück, von dem Josef eben gekommen war. Einen Moment lang sah es so aus, als sei ihr Ziel die Baustelle. Josef fragte sich schon, was sie da wollte, zumal auf dem Bau um diese Zeit das Wochenende eingeläutet war. Nur wenige Arbeiter waren jetzt noch dort anzutreffen, eine Frau passte wohl kaum zu ihnen. Doch kurz vor Erreichen der Baustelleneinfahrt bog Lina auf den Krankenhausparkplatz ein, und stellte ihr Auto in der nächsten freien Lücke ab.

    Josef beobachtete wie sie ausstieg, eine Tasche aus dem Kofferraum holte und über den Parkplatz Richtung Krankenhaus eilte.

    »Deswegen also ›Schwester Lina‹«, murmelte er. Eine Krankenschwester war sie, mit Sicherheit. Im Handschuhfach des Lieferwagens fand er einen Zettel und einen Kugelschreiber. Damit notierte er das Kennzeichen des weißen Polos. Er wusste noch nicht genau, was er mit Lina anstellen würde, aber für ihr ungebührliches Verhalten ihm gegenüber hatte sie eine saftige Strafe verdient. Während er beobachtete, wie sie auf das große graue Krankenhausgebäude zu steuerte, schien sie geradezu herausfordernd mit dem Po zu wackeln. Das schrie doch nach einer Tracht Prügel!

    Zum ersten Mal seit einer Woche grinste Josef. Aber es war kein amüsiertes Grinsen, sondern eher ein bösartiges. Es hatte bestimmt einen Sinn, dass ihm diese Frau mit dem Knackarsch und dem aufreizenden Gang ausgerechnet hier und heute über den Weg gelaufen war. Sie schien unbedingt mit seinem Rohrstock Bekanntschaft machen zu wollen, und dabei würde er ihr gern behilflich sein.