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Diesseits der Unendlichkeit

Laura Augustins Augen leuchteten voller Vorfreude, als sie sich im Hörsaal umsah. Endlich hatte sie es geschafft: Heute war ihre Einführungsveranstaltung für das Medizinstudium. Gemeinsam mit ihren Freundinnen Emma und Clara würde sie sich für ihre Kurse anmelden. Es war so aufregend, ein Ziel erreicht zu haben, das sie seit ihrem Abitur vor über drei Jahren verfolgt hatte.

Der Raum war erfüllt von Stimmengewirr, Lachen, Rufen, denn noch hatte die Veranstaltung nicht angefangen. Und die drei jungen Frauen befanden sich mitten drin. Auch wenn Laura es nicht zugegeben hätte: Sie war froh, nicht allein hier zu sein, sondern zumindest die beiden Menschen links und rechts neben sich zu kennen.
Auf ihrer einen Seite saß Emma Rentsch, die seit Schulzeiten ihre beste Freundin war. Gemeinsam hatten sie schon am Gymnasium so manche Blicke auf sich gezogen. Beide waren ungefähr gleich groß und hatten eine ähnliche, schlanke Figur. Aber Emma hatte glatte, weißblonde Haare und blaue Augen, sodass sie manchmal für eine Skandinavierin gehalten wurde, während Laura mit ihren dunkelbraunen Locken und karamellfarbenen Augen eher als Südländerin durchgegangen wäre. Obwohl sie äußerlich kaum unterschiedlicher hätten sein können, waren ihre Meinungen, Ansichten und Erwartungen in vielen Dingen vergleichbar oder sogar deckungsgleich. Daher war auch ihr bisheriger Lebensweg sehr ähnlich gewesen.
Laura war mit ihrer Mutter Silvia und deren Lebensgefährten Rolf schon vor dem Abitur nach Frankfurt gezogen, Emma war mit ihren Eltern in Stuttgart geblieben. Doch die beiden Mädchen hatten den Kontakt gehalten. Das hatte sich nach dem Ende der Schulzeit auch nicht geändert, als beide nicht sofort den ersehnten Studienplatz in Medizin bekamen. Ein paar Monaten lang hatten sie sich mit irgendwelchen schlecht bezahlten Aushilfsjobs über Wasser gehalten, Laura hatte außerdem ein freiwilliges soziales Jahr abgeleistet. Doch als die Unizulassung weiter auf sich warten ließ, waren die beiden jungen Frauen gemeinsam zu einem ›Work and Travel‹ nach Australien gereist. Und nun, nach ihrer Rückkehr würden sie also gemeinsam studieren. Da im Studentenwohnheim auf absehbare Zeit keine Zimmer zu bekommen waren, hatten sie sich zusammen eine Wohnung in Bockenheim gemietet. Auch das war schwierig gewesen und hatte letztendlich nur über Beziehungen geklappt.
Clara Herrmann, die möglichst weit weg von Emma und daher auf Lauras anderer Seite saß, war erst in den letzten Monaten zu ihrer Freundin geworden. Sie hatten sich bei einer Geburtstagsfeier von Lauras Mutter Silvia getroffen. Bis dahin hatte Laura das unscheinbare, schüchtern wirkende Mädchen nur sehr flüchtig gekannt und sie nie weiter beachtet. Aber bei der Feier hatten die beiden sich lange unterhalten und gut verstanden. Es hatte sich schnell herausgestellt, dass auch Clara auf einen Studienplatz in Medizin wartete und in der Zwischenzeit seit dem Abitur eine Ausbildung zur Krankenschwester beendet hatte. Neben diesem gemeinsamen Interesse teilten die beiden jungen Frauen ihre Begeisterung für das Malen und Zeichnen. So war diese Begegnung auf der Geburtstagsfeier das erste in einer Reihe von vielen Treffen geworden.
Sehr zu Lauras Bedauern hatten Emma und Clara sich von Anfang an nicht gemocht, sodass sie nun meistens zwischen ihren beiden Freundinnen vermitteln musste. Es war daher kein Zufall, dass sie heute in der Mitte saß. Sie warf je einen Blick nach links und rechts: Clara, die sich bei Beginn ihrer Krankenschwesternausbildung ihre dunkelblonden Haare hatte kurz schneiden lassen, war wie immer unauffällig mit Jeans und dunkelblauem T-Shirt gekleidet. Sie hatte ein Vorlesungsverzeichnis vor sich liegen, den Kopf gesenkt und kritzelte mit einem Bleistift eifrig Notizen an den Rand. Als
sie merkte, dass Laura sie ansah, hob sie kurz den Kopf, lächelte, wandte sich aber sofort wieder ihrer selbst auferlegten Aufgabe zu. Emma hatte sich ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug Jeans, eine farbenfrohe Bluse und eine weinrote Lederjacke. Ihr Blick scannte die Sitzreihen des Hörsaals ab.
»Uuuuiiii«, quietschte sie begeistert und zupfte ihre Freundin am Ärmel. »Guck mal das Sahneschnittchen da hinten. Der sieht ja umwerfend gut aus!«
Laura schaute in dieselbe Richtung, wo sie problemlos den Typen ausmachen konnte, der Emmas Begeisterung ausgelöst hatte. Er stand an die Wand gelehnt und unterhielt sich mit ein paar Mädchen. Dabei überragte er die Menschen, die ihn umgaben, um mindestens einen halben Kopf. Seine breiten Schultern und muskulösen Arme machten ihn zu einer respekteinflößenden Figur. Er hatte weizenblonde Haare, die ihm in die Stirn hingen, und obwohl er mindestens zehn Meter entfernt war, konnte man erkennen, dass sein gewinnendes Lächeln ganz offensichtlich der Frau galt, die vor ihm stand. Doch nach Lauras Empfinden wirkte es aufgesetzt. Insgesamt kam sie zu dem Ergebnis, dass sie die Einschätzung ihrer Freundin nicht teilte.
»Den kannste haben«, erklärte sie schulterzuckend. »Ist nicht mein Fall.«
Ungläubig schüttelte Emma denn Kopf. »Was gibt’s denn an dem auszusetzen?«
»Ich finde, er hat eine …« Laura überlegte einen Moment lang, wie sie ihre Bedenken in möglichst unverfängliche Worte verpacken konnte. »Er hat eine merkwürdige Ausstrahlung. Jedenfalls wirkt er auf mich eher unsympathisch. Ich möchte ihm lieber nicht zu nahe kommen.«
Währenddessen ließ sie ihren Blick weiter wandern. Vorne, in einer der ersten Reihen, sah sie den breiten Rücken eines anderen Mannes, der anscheinend mindestens ebenso groß war wie Emmas Entdeckung. Er hatte sehr kurz geschnittene, schwarze Haare und die Haut seiner Arme, die unter den Ärmeln seines weißen T-Shirts hervorsahen, war dunkel.
Gerade als Laura ihn ausführlich musterte, drehte er sich um, sodass sich ihre Blicke kreuzten. Unwillkürlich huschte in diesem Moment ein kurzes, erfreutes Lächeln über ihr Gesicht. Dabei sah sie direkt in seine großen braunen Augen, die sie mit unglaublicher Intensität betrachteten. Im nächsten Augenblick schrak sie zusammen. ›Bestimmt denkt er, dass ich ihn anstarre‹, dachte sie entsetzt, während ihr die Schamröte ins Gesicht stieg. Rasch änderte sie ihre Blickrichtung und zwang sich, nicht mehr zu ihm hinzuschauen. Stattdessen schielte sie in Claras Vorlesungsverzeichnis.
»Was kritzelst du da eigentlich rein?«, erkundigte sie sich, wobei ihr Interesse nur teilweise vorgetäuscht war.
»Ich markiere die Veranstaltungen, die ich mir im ersten Semester gern anhören möchte.« Clara grinste entschuldigend. »Aber es sind jetzt schon viel zu viele. Deswegen habe ich mit Bleistift geschrieben. So kann ich beim zweiten Durchgang die Markierungen wieder wegradieren.«
Laura guckte sie etwas ungläubig an. »Meinst du nicht, dass wir mit den Pflichtveranstaltungen ganz gut ausgelastet sein werden?«, fragte sie. »Unser Stundenplan wird nicht allzu viel Spielraum für zusätzliche Vorlesungen lassen.«
»Lass mich doch. Für mich ist das so ähnlich wie shoppen gehen. Da weiß ich auch, dass ich mir nicht alles kaufen kann, was ich schön finde. Aber ich schau’s mir trotzdem gerne an.«
Das war eine einleuchtende Erklärung. Doch bevor Laura das zugeben konnte, wurden alle Anwesenden um Ruhe gebeten. Die Einführungsveranstaltung begann.
Leon Callan hatte als einer der Ersten den Hörsaal betreten und sich ziemlich weit nach vorne gesetzt. Er war genervt, wollte die Einführungsveranstaltung nur so schnell wie möglich hinter sich bringen. Wenn es keine Anwesenheitspflicht dafür gegeben hätte, wäre er zu Hause geblieben. Und hätte Kai, dem aufgeblasenen Kerl, das Feld überlassen. Der und Medizin? Lachhaft! Ohne die Beziehungen seines Vaters wäre der doch in hundert Jahren noch nicht zugelassen worden. Erstaunlich, dass er überhaupt das Abitur geschafft hatte. Außerdem konnte Leon sich nicht vorstellen, dass Kai sich wirklich für Medizin interessierte. Aber irgendwie hatte er offensichtlich Wind davon bekommen, dass Leon sich für diesen Studiengang beworben hatte. Daraufhin musste er ihm das natürlich nachmachen, ganz nach dem Motto: was ein Callan schafft, kriegt ein Gerstanger schon lange hin. Selbstverständlich hatte Kai sich in Frankfurt beworben, um bloß in Papis Nähe bleiben zu können.
Und dann war er auch noch zur selben Einführungsveranstaltung gegangen wie Leon, obwohl es davon drei gegeben hätte. Natürlich hatte das einen Grund, den Kai keineswegs zu verheimlichen versuchte. Er hatte sich Leon entgegengestellt, gleich nachdem dieser sein Auto geparkt hatte und ausgestiegen war.
»Glaub bloß nicht, dass du hier auch nur ein Bein auf den Boden kriegst, Callan«, hatte er ihn angeraunzt. »Ich werde allen erzählen, was für ein Typ du bist. Jeder wird Bescheid wissen und einen großen Bogen um dich machen.«
Obwohl er innerlich gekocht hatte, hatte Leon nur mit den Schultern gezuckt. »Geh mir aus dem Weg, Gerstanger«, hatte er geantwortet. »Lass mich einfach in Ruhe.«
Nach kurzem Zögern war Kai tatsächlich zur Seite getreten, natürlich nicht ohne einige weitere, wenig schmeichelhafte Worte an Leon zu richten. Dieser hatte nichts mehr entgegnet, sondern war schnurstracks über den Campus in den Hörsaal gestürmt, wo er sich in einer der vorderen Reihen niedergelassen hatte. Er war heilfroh, als sich kurz darauf einige andere Leute neben ihn setzten, sodass Kai vorerst keine Möglichkeit mehr dazu finden würde, ihn zu behelligen, selbst wenn er es versuchen sollte.
Leon nickte seinen Banknachbarn zur Begrüßung kurz zu, aber bis auf ein halbwegs freundliches »Hallo« schwieg er sich aus. Viel zu sehr brodelte es in seinem Inneren.
Wollte dieser Dreckskerl Kai ihn nun sein Leben lang verfolgen? Hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, ihm so viele Steine in den Weg zu legen wie irgend möglich? Wahrscheinlich hatte er tatsächlich nichts anderes zu tun – und anscheinend auch keine anderen Interessen.
Während Leon noch tief in seinen finsteren, zornigen Gedanken versunken war, verspürte er mit einem Mal ein Prickeln im Nacken. Ein Gefühl, als würde ihn jemand beobachten. Er warf einen Kontrollblick zu Kai. Dieser war jedoch anderweitig beschäftigt. Er stand ein Stück weiter hinten an die Wand gelehnt und war offensichtlich dabei, die Frauen in seiner Reichweite davon zu überzeugen, dass er der schärfste Typ an der ganzen Uni war. Oder in ganz Frankfurt.
Aber wer hatte Leon dann ins Visier genommen? Er drehte sich um, sodass er überprüfen konnte, wer hinter ihm saß. Und entdeckte die schönste Frau, die er jemals gesehen hatte. Jedenfalls kam es ihm so vor.
Ihre Augen musterten ihn neugierig, aber dabei schauten sie nicht misstrauisch oder gar ablehnend, wie er es gewohnt war, sondern voll Wärme. Auf eine Art, dass er in diesen Blick eintauchen, sich darin verlieren wollte.
Die vollen Lippen verzogen sich zu der Andeutung eines Lächelns, was nach Leons Empfinden die Raumtemperatur augenblicklich um ungefähr 100 Grad ansteigen ließ. Das hübsche Gesicht der Frau wurde von einer dunkelbraunen Lockenmähne umrahmt und Leon hätte es nicht weiter verwundert, wenn er um ihren Kopf einen Heiligenschein hätte erkennen können. Oder wenn ihr Flügel aus dem Rücken gewachsen wären.
Jemand wie sie konnte doch unmöglich von dieser Welt sein! Dennoch saß sie da, nur ein paar Schritte von ihm entfernt und schaute ihn an. Schon der Anflug ihres Lächelns genügte, um seine Knie weich werden zu lassen. Welche Wirkung würde es dann erst auf ihn haben, wenn sie ihn tatsächlich anlachte? Fast hatte er ein wenig Angst vor der Vorstellung, aber gleichzeitig wünschte er sich in diesem Moment nichts sehnlicher. Doch dann huschte ihr Blick weiter, während ihr eine sanfte Röte ins Gesicht stieg. Geradeso, als hätte sie etwas Verbotenes getan.
Leons Mund war trocken, die Handflächen feucht, sein Puls raste. Nachdem er einige Sekunden vergeblich darauf gewartet hatte, dass sie ihn noch einmal ansah, drehte er sich wieder nach vorne.